Leben, Dies, Das & Ich, Politik & Netzpolitik
Kommentare 64

YOLO!

Yolo Titelbild

Zu Hause ist da, wo die Jogginghose schnurrend um meine Beine streicht. Dort, wo mein Bett freudig summt, wenn es mich sieht. Und der Herr S. inmitten meiner Pflanzen hockt, – mit mir gemeinsam ein sicheres Eden beschließt. Einfach so. Weil wir es so wollen. Weil es geht.

Einen Beschluss, den die allermeisten Menschen auf der Welt angesichts ihrer unerbittlich anonymen Realität niemals schließen können. Die inmitten von Hunger, Krieg, Tod und entmenschlichter Zerstörung leben. Die die Rohstoffe unserer Smartphones unter der Herrschaft irgendwelcher Warlords abbauen. Elendig dabei verrecken. Sich maximal kaum davon ernähren können; die eigenen Kinder in das gleiche Leben schicken. MÜSSEN. Menschen, die unter den fürchterlichsten Bedingungen auf Plantagen arbeiten, nur damit wir statt 4,99 Euro, 3,29 für ein Päckchen Kaffee ausgeben können. Damit noch ein Snickers oben drauf passt.

Das sind die Menschen, denen wir kein Recht auf Flucht, eigentlich nichteinmal den Wunsch nach mehr Leben zugestehen. Die wir abschätzig Wirtschaftsflüchtlinge nennen. Ein Begriff, der materielle bequemliche Gier suggeriert. Nahezu Faulheit. Der impliziert, dass es dabei um Luxusprobleme geht. Um unsere Kategorie von Problemen. Um ohne Fleiß, keinen Preis. – Darum, dass wir zu geistlos oder arrogant sind, uns die weitverzweigte Nicht-Existenz von Möglichkeiten auch nur vorstellen zu können. Ohne genug Verstand oder wenigstens schlichte Pietät für die Realität derer, deren Zukunft keine hat. Inklusive all der innerankenden unausstehlichen Arroganz.

Wenn sie kein Brot haben, sollen sie doch Kuchen essen.
Oder Cupcakes.
YOLO!

2014 haben Flüchtlinge aus Syrien aber auch z.B. Eritrea die Statistik angeführt (–> SPON). Eritrea ist ein Land in dem die Prävalenz von weiblicher Genitalverstümmelung derzeit zwischen 70-89% liegt. Es herrschen dort Hungersnöte. Regierungskritiker, Deserteure oder Menschen, die je um Asyl gebeten haben, werden inhaftiert oder getötet. Auf der Rangliste der Pressefreiheit nimmt Eritrea den letzten Platz ein. (–> Wikipedia)

Und selbst den Menschen, denen wir fromm das Recht auf Flucht eingestehen (dazu gehören die Menschen aus Eritrea nur etwa zur Hälfte. Chance 50/50. Also. –> klick), machen wir es quasi unmöglich es auch wahrzunehmen. Denn ein Asylantrag kann nur auf europäischen Boden gestellt werden. Das ist nunmal so. Genau wie die Unmöglichkeit auf legaler oder wenigstens nicht lebensgefährlicher Weise dorthin zu gelangen. Das ist Zynismus in seiner boshaftesten Form.

Als ich vorgestern von dem Tod so vieler Menschen gelesen habe, ging alles Mögliche in mir vor: Trauer. Wut. Empörung. Hass. Und immer wieder Schuld. Denn: Wie viel habe ich nun wirklich getan, um von der Politik mehr Verantwortung zu verlangen? Die Konzerne zu mehr Fairness zu zwingen? Habe ich immerhin/ wenigstens oft genug unterschrieben? Mal was gespendet? Geliked? Man wird ja mit zunehmendem Alltag immer kleiner in seinen Wenigstens-Das-Forderungen an sich selbst. Wie viele Menschen dort im Mittelmeer habe ich mit meiner eigenen Bequemlichkeit auf dem Gewissen? Mit meinem Nicht-Hinsehen? Wie viele Stunden haben sie meinem Wohlstand gewidmet? Wie viele ich ihrem Überleben?

Ich finde es ist an der Zeit sich mit der unbequemen Wahrhaftigkeit von Schuld auseinander zu setzten. Denn wir sind nicht DAS Volk. Das absolute Gegenteil ist der Fall: Wir sind die oberen 10.000 der Welt – und setzen alles daran, dass das auch genauso bleibt. Uns geht es nur deshalb so gut, weil es anderen so schlecht geht. Diese Tatsache bleibt wahr. Egal wie sehr wir auch an ihr rumrelativieren wollen – oder (fast noch gefährlicher) versuchen sie zu verfloskeln.

Kein Mensch dieser Welt kann etwas für seine Geburt. Weder in Deutschland noch in Afrika. Aber für das, was wir draus machen: Wir hier in Deutschland haben die Möglichkeit uns dafür zu entscheiden nicht zu den Arschlöchern der Weltgeschichte zu gehören, nicht zu denen, auf die spätere Generationen spucken. Die Zeitzeugen zu werden, zu denen keiner gehören möchte. Den brandschatzenden Cupcake-Adel des 21. Jahrhunderts, dem es auf genauso gepuderte ichbefangene Weise wenig gefällt etwas von seinem Reichtum abzugeben, wie sämtlich anderen Adelsgeschlechtern und Herrschaftshäusern der letzten 3000 Jahre. Exakt so verhalten wir uns auch gerade. Und in jeder Sekunde bleibt es, was es nunmal ist: Falsch. Egal, ob uns dieses Selbstbild passt oder nicht.

In diesem Sinne: YOLO!

64 Kommentare

  1. Starker Beitrag. Regt absolut zum nachdenken an. Was für eine Welt in der wir leben! Und wie selbstverständlich wir hier unser eigenes Leben leben… Und genau solche Texte machen einem das nochmal ganz klar. Schade das Du keine 80 Mio Leser hast…

  2. Sehr gut geschrieben!

    Was ich wirklich erschreckend finde, ist die Tatsache, wie wenig geschichtliche Darstellungen hinterfragt werden, obwohl fast allen bekannt ist, dass Geschichte immer nur die Geschichte der Sieger ist.
    In Deutschland wurde zum Beispiel die koloniale Vergangenheit nie richtig aufgearbeitet, im Geschichtsunterricht hieß es immer nur „Als Deutschland Kolonien erlangt hat, waren die anderen europäischen Mächte da schon viel weiter.“ Ja. Trotzdem hat diese Phase unser Bild von Afrika nachhaltig geprägt bzw. tut es das immer noch. Dem subsaharischen Afrika wurden durch den Sklavenhandel große Teile der arbeitsfähigen Bevölkerung genommen, ganze Staaten und soziale Ordnungen wurden auseinandergerissen und dann hieß es: „Ah, sieh an, die Afrikaner bekommen kein Staatswesen wie in Europa hin, weil sie dazu nicht zivilisiert genug sind.“
    Das Ironische ist: Ohne das Gold aus den weit entwickelten afrikanischen Königreichen hätten die Portugiesen niemals die Westküste Afrikas erkunden und somit den Grundstein für den transatlantischen Sklavenhandel legen können.

    Aber das wird im normalen Geschichtsunterricht der Schule nie so dargestellt. Das weiß ich jetzt, weil ich meine Masterarbeit unter anderem über die Plantagengesellschaft auf Martinique schreibe.
    Aber ohne das Bewusstsein darüber, wie stark die Europäer eigentlich in den Alltag von Afrikanern (zum Beispiel, aber Kolonien gab es fast überall und deswegen gibt es rund um den Globus ähnliche Probleme) eingegriffen haben und wie stark eigentlich der Wirtschaftskolonialismus auch heute noch ist, wird kein Umdenken stattfinden.

    • Sarah Maria

      Danke. <3

      Ich gehöre da zu den seltenen Schülerinnen, die Glück diesbezüglich hatten. Ich hatte nämlich eine außerordentlich tolle Geschichts-LK-Lehrerin, die sich vier Halbjahre Zeit genommen hat, mit uns die deutsche Geschichte von 1848 bis 1939 in ihrer Entwicklung zu durchleuchten. Dazu gehörte natürlich auch die Kolonialpolitik - und ihre Folgen.

      Aber ich weiß, was du meinst: Ich denke, es gibt genug Menschen, die nichteinmal wissen, dass Deutschland Kolonien in Afrika hatte. Und die erst recht nichts von den Gräultaten wissen, die dort begangen wurden.

      Das Thema deiner Masterarbeit finde ich wichtig und spannend. Ich würde mich freuen mehr darüber zu erfahren. Vielleicht ja bei dir im Blog. :)

      • Ich bewundere Menschen, die wirklich Freude an einem Geschichts-LK hatten bzw. haben und auch das Glück hatten, gute Lehrer zu haben. Für mich war der Geschichts-GK reines Absitzen von Zeit, weil der Stoff auch total unambitioniert vermittelt wurde.

        Auf meinem Blog wird tatsächlich eine Reihe zu meiner Masterarbeit entstehen. Über den Schwerpunkt habe ich mir noch keine Gedanken gemacht, wahrscheinlich werde ich sowohl darüber schreiben, wie es mir beim Arbeiten geht, als auch darüber, was ich inhaltlich gelernt habe.

    • RoM sagt

      Kia ora, Christin.
      Das deutsche Kolonialgebaren mag zwar kurz vor Sendeschluß angelaufen sein, aber in puncto der Ausbeutung & Unterdrückung hielten sich die Repräsentanten penibel an die „Erfahrungen“ der anderen Mächte.
      Zynischer Höhepunkt wurde der Erste Weltkrieg, in dem nicht nur Truppen aus den Kolonien verheizt wurden, sondern in Afrika Arfikaner gegen Afrikaner zu kämpfen hatten. Für strategischen Unsinn – einfach, weil der Feind „da drüben“ war.

      Der Wirtschaftskolonialismus aus den Staaten macht ja nicht einmal halt vor den eigenen Bürgen, die drei Jobs benötigen, um über die Runden zu kommen.

      Der Mensch bleibt des Menschen Wolf – auch in Afrika.

      Es ist schön wieder von Dir zu lesen!

      bonté

  3. Du hast sowas von Recht!
    Ich hab den Eindruck, dass es kein Mensch kapieren WILL, dass es uns nur so gut geht, weil es denen so schlecht geht. Bzw. will es keiner sehen, denn dann müsste man ja was ändern. Und wenn ich dann bei der Arbeit das ewige gejammere höre, wie schlecht alles ist und dass alles immer schlechter wird, muss ich echt an mich halten, ruhig zu bleiben.
    Wenn ich darf, werd ich Deinen Text bei meinem „lesenswert“ verlinken die nächsten Tage. Gefällt mir nämlich gut und entspricht meiner Meinung.

    Liebe Grüße,
    Sarah =)

    • Sarah Maria

      Ja. Das denke ich auch sehr oft. Und auch, warum keiner kapieren WILL! Das macht mich oft nicht nur ratlos, sondern echt rasend.

      Und natürlich freue ich mich darüber, wenn du meinen Artikel weiterverlinkst. Danke. <3

  4. Du hast da ganz toll Gedanken aufgeschrieben, die mir auch im Kopf rumspucken.
    Besonders die Formulierung „brandschatzender Cupcake Adel“ hat es mir angetan – den das sind wir nun einmal.

  5. Danke für diesen tollen Beitrag. Am Besten ausdrucken und jeden Morgen vorm Haus-verlassen durchlesen. Ich bilde mir ein, im Vergleich zu anderen noch recht viel gegen einige Widerlichkeiten dieser Welt/ Politik zu tun, aber es ist einfach viel zu wenig. Die Bequemlichkeit abstreifen wie die Jogginghose, das ist es wohl. Allerdings holt mich draußen doch täglich mein Realitätssinn aus meinen Eskapismuswünschen. Wenige Meter hinter der Straße, in der ich wohne, sitzt die Armut bettelnderweise, in der Bahn kann ich sie jeden Morgen riechen. Und so hart das manchmal auch ist, denn ich muss es aushalten, bin ich doch froh, nicht ständig im Cupcake-Ghetto zu leben.
    LG mila

  6. wow!
    besitzstandswahrung hier und überleben dort.
    mein problem sind die informationen die vor ort entstehen und nicht als lügenpresse mit zweckverfolgung zur kenntnis genommen werden können.
    etwas einblick bekam ich durch meinen sohn, einen beruflichen weltenbummler, über missbrauch von geldern, goldenem getreide, fatalismus und korrupte verwaltung.
    zur mütterlichen beruhigung nicht mehr in bangladesh, nigeria, libyen und dem jemen unterwegs.
    *Trauer. Wut. Empörung. Hass. Und immer wieder Schuld.*
    all die gefühle sind da, erkenntnis umsetzen?
    gegen stammtischparolen vorgehen durch diskussion im kleinen und…
    einigeln im überschaubarem bereich – yolo…
    enttäuscht und müde als nützlicher idiot moskaus, als radikale demonstrantin beschimpft, als aussenseiterin und nicht angepasste, als ehrenamtliche in vielen bereichen – inzwischen blümchen und bäumchenbloggerin.
    lg kelly

  7. Wow! Ein klasse Artikel, sehr stark geschrieben und (leider) so wahr.

    „Ich finde es ist an der Zeit sich mit der unbequemen Wahrhaftigkeit von Schuld auseinander zu setzten. Denn wir sind nicht DAS Volk. Das absolute Gegenteil ist der Fall: Wir sind die oberen 10.000 der Welt – und setzen alles daran, dass das auch genauso bleibt. Uns geht es nur deshalb so gut, weil es anderen so schlecht geht.“

    !!! Danke dafür.

  8. Ich habe letztens im Radio einen Beitrag gehört. Interviewt wurde eine Syrerin, die vor einiger Zeit nach Deutschland gekommen ist – aber es eigentlich gar nicht wollte. Sie und ihre Familie sahen sich gezwungen, ihre Heimat zu verlassen. Sie wären aber gerne dageblieben. Sie hätten sich dort „alles kaufen“ können, es ging ihnen gut. Da ist es dann wahrscheinlich noch einmal besonders schmerzlich, wenn man in dem neuen, fremden Land schlecht behandelt wird bzw. den Eindruck hat, nicht willkommen zu sein ….

  9. Du schreibst mir aus tiefster Seele (aber du kannst es wesentlich besser formulieren). Danke!
    Liebe Grüße,
    Eva

  10. Danke für diese unschöne Wahrheit liebe Sarah! Ich habe Gänsehaut bekommen. Und du hast soo Recht! Und dieses ständige rumgemeckere von Menschen, denen es gut geht, geht mir auch sowas von auf die Nerven. Manche wissen gar nicht, wie gut es ihnen geht. Ich finde immer noch DU solltest ein Buch schreiben, über genau solche Themen, denn ich glaube du kannst damit etwas bewegen. Bei mir bewegt sich was.
    Liebe Grüße,
    Nadine

    • Sarah Maria

      Ich denke mir immer: Das wir mit einer ganz anderen Kategorie von Problemen zu kämpfen haben. Die sich aus irgendeinem Grund in Hass und Neid kanalisieren. Es geht ja niemandem objektiv besser, wenn es anderen noch schlechter geht. Zumal die Seenotrettung der Flüchtlinge (laut der letzten Heute Show) im Monat so viel kostet, wie 9 Tage brach liegender Berliner Flughafen.

      Oh. Und. Danke. <3 Ich denke, da gibt es weitaus mehr Menschen, mit weitaus mehr Expertise, die es lohnt in einem Buch niederzuschreiben. ;)

      • Ja, das stimmt. Unsere Probleme sind eigentlich null und nichtig, wenn man sie mit denen der Flüchtlinge vergleicht. Bestimmt gibt es Menschen mit mehr Expertise, aber es kommt auch auf den Schreibstil an und du hast wirklich Talent dafür, sage ich ja immer wieder :)

  11. Du hast so Recht und ich hoffe diesen Text lesene noch sehr sehr viele andere Menschen, die so vielleicht nicht darüber nachdenken.
    Auch ich denke oft an die Menschen aus ärmeren Ländern. Eigentlich jeden Tag, da diese schrecklichen Bilder tagtäglich in den Nachrichten gezeigt werden. Was wir Deutschen doch für einen Luxus haben und es partout nicht wahrhaben wollen. Und das mit „Lebensmittel möglichst billig“ ist so typisch deutsch! Wusstest du das viele Länder (gerade Spanien) nach Deutschland oft die schlechteste Ware schicken? Mit der Begründung: Die Deutschen kaufen alles und wenn es billig ist, erst recht“. Und Übelnehmen kann ich denen das auch wirklich nicht. Im Vergleich zu anderen europäischen Ländern geben wir ja nur einen minimalen Prozentsatz unseres Einkommen für Lebensmitel aus (ca. 10%) während in Italien und anderswo ein erheblicher Teil in die Ernährungs investiert wird. Aber nein – bei uns immer billiger. Und damit werben auch die ganzen Supermärkte & Co. auch noch. Das zieht die Menschen ja magisch an :(

    Viele Grüße
    Patricia

    • Sarah Maria

      Ja. Davon habe ich auch schon gelesen. Dieser ganze Billig-Mist ist nicht nur ein Killer für Tier, Umwelt und Wirtschaft, sondern kann schlicht nicht gesund sein. Ich vermute, da kommt noch einiges auf die Krankenkassen zu.

      Zudem verliert man irgendwie den Bezug dazu, was alles nötig ist, um z.B. eine Tomate ziehen. Wie viele Menschen und Prozesse dafür benötigt werden. Aber anstatt vernünftig zu produzieren, werden zig Tonnen gen-billig-Tomaten gezüchtet, von denen keine einzige schmeckt und die Hälfte im Müll landet.

    • Sarah Maria

      Zuerst einmal Mare Nostrum wieder einführen. Damit wären schon viele Leben gerettet. Und als zweiter Schritt müssen legale Fluchtwege geschaffen werden: Fähren z.B.

  12. Klasse Beitrag, der zum Nachdenken anregt!
    Dieser gelebte Egoismus im großen Rahmen kotzt mich schon länger an.

    Liebe Grüße
    Su

  13. Pingback: Medienschau am Freitag | KW 17 · notestoherself

    • Sarah Maria

      Oh. Das sehe ich vollends anders: Es mag vielleicht Erklärungen oder Gründe für Handlungen geben. Aber auch Schuld. Als direkte Folge einer Handlung. Ohne Schuld würde es keine Verantwortung geben – und letztlich auch schwer Veränderungen.

      Schuldig zu sein ist kein schöner Zustand. Aber genau da liegt auch die Möglichkeit zur Veränderung.

      • Das muss ich glattweg fragen, ob du meinen Verlinkung gelesen hast oder nur meine Aussage. Die Schuld ist ein fest definierter Begriff, aber nicht wirklich basisemotional wichtig, sondern eine Nebenerscheinung, die eben heute vielmals missverständlich oder falsch gedeutet wird. Durch Fehler lernen kann man, aber dafür muss man sich nicht den Stempel einer Schuld aufsetzen lassen.
        Wenn man aber in dieser Definition der Schuld, wie sie heute gesehen wird, fortfährt, dann ergibt sich, dass nicht nur der eindeutig Schuldige eines Umstands o.ä. dadurch insoweit „Lernen“ kann, sondern auch derjengie, der nur beiläufig involviert war oder die Konsequenzen dessen trägt, der die Schuld verursacht hat. Dabei vergisst er aber sich ganz.bei der Entstehung des Umstandes, die jemanden anderen zum Schuldigen machte.
        Beispiel: 2 Kinder sind in der gleichen Klasse und sitzen nebeneinander. Der Lehrer kündigt eine Extemporale an. Der eine hat gelernt, der andere nicht – der eine spickt von anderen ab. Der gelernt hat, hat aber das Falsche gelernt und bekommt eine 5. Der Spicker eine 6. Wo ist die Schuld und beim wem? Ferner kann man fragen, wie ist es überhaupt zustande gekommen, dass beide nebeneinander sitzen, das beide in der gleichen Schule sind usw.

  14. Was ich in diesem Zusammenhang halt auch sehr, sehr schwierig finde ist die Tatsache, wie mit den Flüchtlingen dann oftmals umgegangen wird. Wir haben hier am Ort sehr viele aufgenommen und der pure Hass der denen zum Teil entgegen schlägt ist immens! Das kann man echt nicht fassen, man kommt sich manchmal vor als würde man noch im vorletzten Jahrhundert leben. Das sind dann alles Vergewaltiger und Schläger…
    Obwohl hier fast nur Frauen und ihre Kinder untergebracht werden. Da hört man dann auch gerne Sätze wie „jetzt kann ich nachts nicht mehr alleine nach Hause gehen“ usw..
    So wenig Toleranz und Offenheit finde ich auch grässlich!

    • Sarah Maria

      So etwas macht mich auch immer total wütend! Dass viele so wenig Empathie besitzen.

      Menschen, die Krieg und den ganzen Schrecken, die dieser mit sich bringt, überlebt haben. Die in den meisten Fällen Familie und Freunde verloren haben, haben schlicht auch erst einmal andere Sorgen, als den Deutschen zu gefallen. Als sofort und ab der ersten Stunde hier im Land sich täglich zu bemühen ein guter Deutscher zu werden. Menschen brauchen Zeit, die Möglichkeit zu trauern und sich zu erinnern. Sie brauchen halt einfach Hilfe.

  15. Sehr guter Artikel!

    Das Thema regt mich schon lange auf. Flüchtlinge sterben massenhaft, darüber wird nicht mal ausführlich berichtet – bei den Opfern des Germanwings Absturz – tagelange Berichtserstattung.

    Die Leute erleben in ihrem Land absolute Brutalität, Hass und Grausamkeit und sind froh, wenn sie ihr Leben retten können und die Möglichkeit haben zu fliehen. Ich kenne einen Asylbewerber, der nun eine Ausbildung beginnt, den Führerschein macht und sich integriert. Der davor Sprachkurse besucht hat und nun deutsch sprechen kann. Er hat in seiner Heimat alles verloren, nicht nur Gegenstände, sondern auch Angehörige, Geschwister..

    Sowas tut mir in der Seele weh. Aber dann gibt es jene Menschen, die diese Menschen und deren Schicksale mit den Füßen treten. Die, die sich in Deutschland über Armut beschweren, und wie schlecht es ihnen doch ginge. Nebenbei Auto fahren, ein Dach über dem Kopf haben und am besten noch über das neuste Smartphone verfügen.

    Da würde ich am liebsten ausrasten. ausflippen.

    Meiner Meinung nach, werden genau diese Menschen wohl erst wachgerüttelt, wenn sie vor Ort dort sind und hautnah miterleben, wie gut wir es in Deutschland haben.

    Was machen diese Menschen, wenn hier in DE irgendwann mal Krieg ausbrechen sollte? Sind sie die ersten die ihre Koffer packen?

    Ach, ich versteh unsere Gesellschaft eh nicht.

    Grüsse ♥

    • Sarah Maria

      Danke dir. :)
      Ich denke auch oft, dass wir uns der Verhältnismäßigkeit mehr bewusst sein sollten. Das bedeutet natürlich nicht, dass man all die Ungerechtigkeiten in den Sozialsystemen hier vor Ort einfach hinnehmen sollte, aber ich finde – genau wie du, dass man auch mal mit einem Schritt zurück und etwas Abstand das Schicksal von anderen verstehen sollte, bevor mal losjammert.

      Die Menschen auf der Welt sollten einfach generell versuchen mehr im Team zu arbeiten und weniger nur an sich selbst zu denken.

    • Sarah Maria

      Oh. Und ich bin gespannt, ob der Tipp was bringt. Ich hab’s ja auch nur gelesen. Bei Tofu habe ich es aber schon ausprobiert – und da klappt es super: Wird wunderbar knusprig. :)

  16. Pingback: Mitten im Frühling: Die Coolen Blogbeiträge der Woche 17/15

  17. Unglaublicher Beitrag. Über den muss ich jetzt ein paar Tage nachdenken und dann hoffentlich irgendetwas ändern, wenn ich es auch nur im sehr Kleinen kann.

  18. Pingback: Durchgeklickt: April – Frau Margarete

  19. Hallo Sarah,
    ich durch den 3. Blogger Kommentiertag über deinen Blog und damit über deinen Artikel hier „gestolpert“.
    Toll!!! Du spricht wirklich vielen Menschen aus der Seele! Einen wundervollen Blog hast du hier!
    Liebe Grüße,
    Sandra

  20. Liebe Sarah,

    einen sehr schönen Blog hast Du hier. Man merkt, dass sehr viel Liebe dahinter steckt! Deine Meinung zu diesem Thema teile ich absolut. Ich hoffe, dass Dein Text einige Leute wachrüttelt.

    Alles Liebe
    Michelle
    http://www.miss-phiaselle.com

  21. Das hast du wirklich sehr gut geschrieben, dennoch frage ich mich bis heute was YOLO bedeutet. Dabei nutze ich es selbst hin und wieder :D

    • Sarah Maria

      Danke. <3
      Yolo bedeutet: You only live once.
      Ich habe es für meinen Artikel eher als "Parodie" versucht zu verwenden, denn es wird ja meist im Sinne von: OH! Das MUSS ich unbedingt kaufen! Dort will ich auf jeden Fall dabei sein. etc. verwendet wird.

  22. RoM sagt

    Aloha, Sarah.
    Als sich die großen Köpfe des europäischen Politlebens „spontan“ zu einer Krisenkonferenz einstellten (um nicht viel mehr als blümerante Statements abzunicken), hatte ich mein deja vu. Schließlich kam es nach dem Tod von über 300 Mittelmeer-Flüchtlingen bereits zu exakt der selben Show für die Öffentlichkeit.

    bonté

    • Sarah Maria

      Wäh! Ja! Diese Schaukonferenzen finde ich auch immer fürchterlich! Dann sollen sie lieber gar nichts sagen, als nur so zu tun, um die „Bevölkerung“ zu beschwichtigen. Das ist wenigstens ehrlich unmenschlich. Das andere unehrlich unmenschlich – und noch viel fieser.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.