Leben, Dies, Das & Ich
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Stock 2.0

rotkohl

Ich erwähnte ja kürzlich, dass es mit mir und den Blogstöckchen so eine Sache ist: Dass ich sie, wenn irgend möglich, stets an mir vorbeiziehen lassen. Vermeide. Mich kurzerhand ducke. Wie beim Staffellauf in der Schule.

Jedoch: Der Steffi, der konnte ich den Stock nicht einfach aus der Hand schlagen. Dazu pustet sie viel zu viel Zucker quer durch das Netz. Ja. –> Zudem treffe ich sie morgen in Hamburg. Und. Nun. Wie stehe ich denn dann da: So ganz ohne Stock & Blog. Vollends ohne alles?

Richtig!
Also:

Sie, die Steffi, möchte von mir wissen, welche drei Dinge, ich auf eine vorerst einsame Insel mitnehme? Zum Warmwerden – gewissermaßen:

Das ist einfach: Das Internet. – Samt einem Computer mit Endlos-Akku. Und den Herrn S. selbstverständlich. Auch wenn jener streng genommen natürlich jenseits aller Sächlichkeit steht. Aber ohne ihn würde ich das mit dem Insel-Exil dann doch lieber ganz sein lassen. Wenn möglich.

Weiter geht es für mich mit ihrer achten Frage. Und die hat es in sich: Deswegen steht sie im chronologischen Ablauf sicher auch als stehenden Endlosigkeit verzeichnet. – Möchte in all ihrer Dramatik wissen: Welche Themen ich allzu gerne bereits im Blog hätte. Dazu aber aus Gründen nicht kam. Bisher.

Nun.
Viele.

Allen voran: Mein sprachsaugendes Entsetzen angesichts der fast schon offenen dumpf-dreisten Verwicklungen diverser deutscher Behörden in das jahrelange Morden einer Terror-Organisation. Hier. Und vor aller Augen.

Dessen Aufarbeitung tonnenschwere Steine voller Hohn in den Weg gelegt bekommt. Überall. Immer wieder. – Seit Wochen suche ich einen Weg meine Fassungslosigkeit in ein Gerüst zu weben. Um sie greifen zu können. Damit sie sich irgendwie hochhangeln kann: Zu einem längst überfälligen Kommentar zum NSU-Prozess.

Stühle

Ebenfalls – jedoch vollends anders betroffen – sind von dieser meiner Sprachlosigkeit diverse Bücher. Bücher, dessen Ausdruck ich als so umwerfend empfinde, dass ich mich worttechnisch nie nah genug an sie heran wagte, um sie zu beschreiben. Manche Gefahren, ein Wortgerüst so krumm und schief hochzumauern, dass es ausschließlich bedauernde Blicke erntet, finde ich dermaßen naheliegend, dass ich es gar nicht erst versuche. Oder aber Wochen, Monate, mitunter Jahre leise vor mich hinbrüte – bis ich mich ganz im Sinne einer pädagogischen Wunschvorstellung höchst zwanglos dazu bereit fühle.

Bisher kam das im Grunde nicht vor.

Daher beantworte ich die stock-immanente Frage nach meinem Lieblingsbuch einfach mal mit einer Aneinanderreihung von Puzzleteilen – die vielmehr eine Art Heuhaufen aus Stecknadeln ist:

Da wäre zum Beispiel die beste Biografie, die ich je las. Die ich als so vollkommen empfand, dass ich seitdem jede weitere mit ihr vergleiche. Wie im sehnsuchtsschweren Liebesrausch. Und jedes Mal enttäuscht aufstampfe, voller Gram: das Bild vergleiche und dabei omnipräsent hinaushalle: „Keine ist schöner als du! Mein Schatz!“

Es geht um Herrn Pückler. Nach seinem Tod verlebendigt durch Heinz Ohff. In einem Buch, das ich mir einfach so kaufte – weil es dazumal der einzige in Frage kommende Roman im Book-Shop der Berliner „Gärten der Welt“ war. Gärten, in denen ich gleich diverse Male war. Da ich ganz in der Nähe (im tiefsten Mahrzahn. Also) im Sommer 2010 für zwei Monate ein leeres Hotel hütete. – Kurz vor seiner Umbauphase.

Pückler_Berlin

Oder aber Paul Austers Buch über Sprach-, ja fast schon Denklosigkeit: „Mann im Dunkel“. Äußerst festprogrammiert haben sich in mir außerdem die Bücher von Milian Kundera. Vornehmlich in meiner Post-Abi-Phase. Zudem: Mir gefällt (im tiefsten Wortsinn) Harry Potter. Ja. –> Und: die Szene, in der sich ein Buch so unbestechlich lebendig, wie in einer Welt á la Tintenherz verwandelte, stammt in meinem Fall von Alexandre Dumas Jr.. Verwahrt in der „Kameliendame“. Vertont von Verdi.

Womit wir mitten drin wären: In der Musik. Denn nebst drei Dingen, darf und soll ich noch ein Musikalbum mitnehmen – auf die fiktive Insel. Nun. Da ich den einfachen Weg gegangen bin – mir, anstatt drei Wünsche auszusprechen, einfach alle Möglichkeiten streamen lassen möchte; Könnte ich nun weiterhin vom Hölzchen zum Stöckchen kommen: Ausgelassen mal hier, mal dort hinhören. Aber: Ich möchte nun jetzt doch so tun, als sei das Internet musiklos, vollständig zugekleistert mit diesen fiesen Gema-Blockern. Mich fügen:

Dann wäre es die Zauberflöte.
Meine Zauberflöte. Deswegen: Weil sie für mich der Ursprung ist. Die Erda, die Weltenesche – der Musik. Die Quelle. Das Wort so materialistisch ausfüllt, wie Wörter es im idealsten Fall können.

Meine Mutter schwört darauf, dass ich schon dazumal anno irgendwann in ihrem Bauch absolut zuverlässig mit Vivaldis „Vier Jahreszeiten“ auf Entspannung gestellt werden konnte. Was ohne Umschweife nach wie vor funktioniert. Aber müsste ich mich entscheiden: Ich würde dennoch die Zauberflöte wählen. Das Synapsengefühl dem Bauchgefühl vorziehen.

Sarah Maria März 2015

Oh.

Und ich soll euch eine Organisation empfehlen. Eine, für die ich gerne aufrufen möchte zu spenden. Das sind natürlich viele – zu viele! Um sie hier niederzuschreiben. Daher nenne ich die drei, für die ich kürzlich selbst gespendet habe:

Wikipedia. Einfach deswegen, weil ich freies und unabhängiges Wissen für so dermaßen unschätzbar wertvoll halte, dass ich nicht nur dasitzen möchte, nicht nur proklamieren – sondern unterstützen möchte.

Netzpoltik.org. Dafür, dass sie sich unerschütterlich, unabhängig und voller Sachverstand für ein freies Internet einsetzen. Ein Internet, das ich gerne mitnehme – auf die einsame Insel.

Refugio Bremen e.V. Dafür, dass sie es Menschen ermöglichen, die Flucht und Folter überlebt haben, das Geschehene in therapeutischer Begleitung zu bearbeiten. Helfen, das Leben zu finden, was wir uns alle gegenseitig wünschen – und ermöglichen sollten.

London_ROH

Alle Fragen habe ich nicht beantwortet. Nur gut die Hälfte. Aber zum Schluss nun noch: „Womit kann man dir IMMER einer Freude machen?“

Mit Opernkarten. Eingelegten Artischocken (ohne Dill!!) – Und Pombären. Für letzteres habe ich eine traurige Schwäche, die mir nicht wirklich lieb ist. Aber irgendein fancy Geheimnis muss so ein Blogstock ja schließlich zu Tage führen. ;)

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