Best of, Leben, Dies, Das & Ich, Mein Balkon- & Fensterbankgarten
Kommentare 34

Die Wüste in mir

Urban_Dschungel_Titel

Ich träume in letzter Zeit oft von Wüsten. Freundlichen Wüsten. Keine von der kargen oder gar unheilvollen Sorte – sondern solche, die mich durch ihre gutgläubige Wärme zur Ruhe kommen lassen. Wüsten mit schlichtum herrlichen Sonnenuntergängen, kilometerweiten Blick- und irgendwie auch Denkmöglichkeiten. Die mich durchatmen lassen. Orte, die in der Ruhe liegt die Kraft mit wörtlicher Präzision umsetzen.

Ich befinde mich dort meist auf einer Reise. Mit Anfang und Ende. Und der Herr S. ist eigentlich auch immer mit dabei. Insoweit immer, wie das in Träumen eben der Fall sein kann: Denn Gedankensprünge, ur- bis unlogische Ortswechsel, Personenverschmelzungen oder endplötzliche Wendungen sind ja eben nunmal fließend dabei. In Träumen. Sind nuneben irgendwie Sinn und Zweck des Ganzen.

Es handelt sich also um eine Wüste, in der ich allzumal im bettwarmen Sand auf einen Bus wartete. Lange und gerne. Einfach nur dasaß. Bis er, der Sand, zu einem seichten Bach wurde, um mich auf einem Floß in die nahegelegene Stadt zu schiffen. Eine Stadt als Mischung aus Inka-Komplex, Ischtar-Tor und dem Bremer Viertel. Eine perfekte Kombination aus einem tiefen Gefühl von Abenteuer, Neugier, Aufbruch, zu Hause und Geborgenheit. Eine Art Glück gescriptet in einem/ meinem bildlichen Ort.

Seitdem drängt mich ein intimer Hang zur Exotik. Meiner ganz immanenten, eigens erdachten, vollends in der Loipe des Traumes mitschlitternden alltäglichen Privatkonstruktion von Exotik: Gold statt Silber. Lidstrich statt Wimperntusche. Chili statt Pfeffer. Violett statt Rot.

Die Wüste in mir.
Die, wie ich weiterhin feststelle: Kapern statt Petersilie. Lakritz statt Tomaten. Melonenbirnen statt Sonnenblumen – ist:

 Chili im Wohnzimmer

Der Herr S. und ich wagten uns nämlich gestern angesichts unseres allsamstäglichen Weserspazierganges völlig überraschend nach Nordwest, statt üblicherweise Südost – Richtung Weserwehr. Und so strandeten wir schließlich selbsterfüllend in der Bremer Altstadt: Schoben gar gemeinsam mit den Touristen durch die Böttchergasse. Und erinnerten uns schließlich daran, dass wir im letzten Spätsommer einen Tipp bekamen: Ganz in der Nähe des Bremer Marktplatzes sei ein Laden: Einer, der so ziemlich jedwedes Saatgut anbietet. Ein Eldorado. Sozusagen. Dank Google und des dem Herrn S. einfällig bekannten Wortes „Sämerei“ wurden wir tatsächlich fündig:

Zuerst und durchaus unmittelbar hielt ich fieberhaft plötzlich Minigurken in der Hand. Dann weiße Tellerzucchini. Der Herr S. sprach an dieser Stelle bereits eine erste Mahnung aus: Dass es nicht wieder wie im letzten Jahr werden darf. Wie damals, als er allnächtlich von drosselwütigen Ranken träumte. Von Pflanzen, die das Kommando über die Wohnung übernahmen. Über Invasionen und Todessterne aka Seedbombs. Er gebat, dass ich mir maximal zwei aussuchen darf. Zwei Tütchen. Mehr. Nicht. Die Fensterbänke seien schließlich bereits jetzt voll. Wohlbemerkt.

Der Herr S. sprach also – und verschwand seinerseits im Regal der Chilisorten. Er plant nämlich eine Chilizucht. Es sei schließlich auch seine Wohnung. Irgendwie. Ein paar Pötte auf der Fensterbank sollen es bitte auch werden. Mit dermaßen exotisch scharfen Sorten: Dass sie einiges an himmelschreiender Denkwürdigkeit hinterlassen werden mögen.

Ich. Derweil. Stand mit meinen Zucchini, Gurken und eventuell noch ein-zwei weiteren Tütchen inmitten des Ladens. Las die Packungsanleitungen wie Quartettkarten. Erhoffte mir dadurch eine Entscheidung. Erlaubte meinem Blick denntrotzdem ein wenig Auslauf – und verlor ihn schließlich an drei kleinen Drehständchen. Ständchen mit deklariert „Exotischen Kräutern“.

Dies allerdings war eine begriffstiefe Untertreibung sondergleichen: Es gab Samen von Bananen (verschiedene) und sogar Mammutbäumen. Es gab Currypflanzen, Kardamom, schräge Rosmarin-Sorten, Samen von Goji-Beeren und welche, die aussahen wie Jellybeans.

Und so viel mehr. Ich konnte mich nicht entscheiden. Der Herr S. empfahl mir (sparsam ausgedrückt) wenigstens mal hinten rauf zu schauen: Wie groß die werden – zum Beispiel? Ob das überhaupt passt? Mit den Decken. Der Wohnung. Der Realität.

Ich starrte. Durch ihn hindurch. Und: berichtete in gewissenhafter Plausibilität von den bis zu 100 Meter hohen Lakritzbäumen. Die quasi direkt aus meinen Träumen entwuchsen. Er jedoch, seinerseits. Er empfahl dazu: Dass ich mich doch bitte umgehend vor den nahe gelegenen Dom stellen, meinen Kopf in den Nacken legen, und hoch schauen möge. Dann nun bitte nochmals eingehend überlegen solle: Ob ich mir tatsächlich einen Lakritzbaum in ähnlicher Höhe wünsche – oder mindestens (wenigstens) vorstellen kann.

Die 100 Meter entpuppten sich als Zentimeter. Da die Packung von Freud in seiner Freizeit designt wurde. Offenbar. Nun, also: Nahm ich schlussendlich denn drei, statt zwei. Tütchen: Melonenbirnen. Lakritz. Kapern.

Stadtgarten_blog

Mein Text ist ein Beitrag zu dem Projekt *.txt – „Bild“

34 Kommentare

  1. k ö s t l i c h ! ! ! ;))
    [morgendliche Lektüre + benamte Samen.Tütchen!] ;))

    einen wundertollen Tag dir!

    liebgruß,
    Liv *

  2. Fand ich auch wunderbar zu lesen! Ich finde weiters, mit nur drei Päckchen bist du die personifizierte Zurückhaltung. Denn ich kann das Verlangen gut nachvollziehen. Samen, in die Erde gesteckt, mit weiblicher Magie bestrahlt (und nebenbei mit Wasser benetzt), und wenn da dann tatsächlich kleine Pflanzen rauskommen, fühlt man sich wie Gott. Mögen sie dir lange hold und fruchtbar sein!

  3. Liebe Sarah Maria,

    du hast einen schönen Text geschrieben. Dass du dir einerseits mehr Ruhe wünschst, kann ich besonders gut nachvollziehen, vor allem bei dem ganzen Drama, das sich aktuell gerade in der Welt und in den Medien immer noch nicht gelegt hat. Und Ruhe findet man ja sicher in der Wüste. Wie schön, dass du das Neue und Exotische, das du dir vielleicht auch wünschst, erst mal ganz langsam und ruhig über Pflanzen angehst. Da kann dann ja immer noch mal mehr draus werden, falls du das willst.

    Liebe Grüße
    Tina

  4. Mein erster Gedanke nach der Lektüre: ihr solltet dringend auf’s Land ziehen. ;-)
    Liebe Grüße,
    Eva

    • Sarah Maria

      ;) Manchmal denke ich das zwar auch. Aber so selten, dass es nix für mich wäre. Ohne die vielen Möglichkeiten hier mitten in der Stadt würde ich eingehen. Für mich wäre nicht einmal der Stadtrand eine Option. Ein ruhiger Hinterhof hingegen schon. ;)

  5. Kann ich so gut nachvollziehen, ich kann mich auch immer vor den Regalen mit den Samentütchen nicht entscheiden (allerdings gibt’s da leider – oder zum Glück für meine Entscheidungsfindung – nicht so exotisch-spannende Sorten). Bei uns wachsen jetzt all überall in leeren Milch- und Eierkartons Zucchini, Kürbis, Gurke, Salat heran, eben alles, was das gemeine Selbstversorgerherz so begehrt ;) Bleibt aber, wenn’s heranwächst nicht in der Wohnung, sondern wandert in den Schrebergarten… Grüne Grüße, Ulli

    • Sarah Maria

      Einen Schrebergarten hätte ich auch gerne. Allerdings fürchte ich, dass meine Zeit dann am Ende doch nicht reicht, um mich mit Spaß darum zu kümmern. Lieber hätte ich einen richtig großen Balkon mit einem Hochbeet….. Hach….. ;)

  6. dein Text ist richtig schön geschrieben. Hat mir Spaß gemacht zu lesen.
    Jetzt bin ich natürlich gespannt was aus den Melonenbirnen. Lakritz und Kapern wird :-)

    Herzliche Grüße von Heidi-Trollspecht

    • Sarah Maria

      Danke dir. <3
      Das bin ich auch. Bisher ist noch nix passiert. Aber auf der Packung stand auch, dass es ein paar Wochen dauern kann, bis die keimen.

  7. RoM sagt

    Servus, Sarah Maria.
    Es scheint mir in der Tat eine exotische Wüste zu sein, wenn sie idealerweise bettwarm ist. Wenig wundern sollte dann der ÖPNV via Sandteppich…
    Sigmund F. würde sich da jetzt wieder in seinen psychischen Analysen darob verheddern! :-)

    Drosselnde Ranken & Todessterne – da bleibt zu hoffen, daß Herr S nie John Wyndhams SF-Klassiker „Die Triffids“ in die Hände bekommt (oder eine der Verfilmungen).

    Das Triumplantat von Melonenbirne, Lakritz & Kapern liest sich fast wie ungewohnter Naschkram; „Bonbons mit ganzen Früchten“ oder so ähnlich. Vernünftig allemal, denn der Mammutbaum wäre zum Generationenprojekt geworden…

    Täuscht der Blick nur, oder blühen bei Euch bereits die Zierkirschenbäume?!

    Ein gutes Gelingen der Saat!

    bonté

    • Sarah Maria

      Ich glaube das mit der Zierkirsche täuscht. Da fiel das Licht nur sehr vorteilhaft. Genau kann ich nicht sagen, was das ist, aber es blüht erst später. Jetzt hängen da nur erste Triebe von Knospen dran. :)

      Und den Herrn W. werde ich dem Herrn S. dennoch mal empfehlen. Mal sehen, was sich daraus entwickelt. ;) Mir ist ja gerade so sehr nach Abenteuer. :D Das Projekt Mammutbaum kommt dann unmittelbar danach. Würde ich sagen. :D

  8. Nicht noch ein …Tütchen im Schlüpper? ÄH.. also ich meine du hast wirklich nicht noch heimlich irgendwo ein 4 und 5.?☺ Der Freund hat sicher auch nicht nur 1 Chili Sorte, weil Chilianbauer sind für die Vielseitigkeit bekannt und meist Männer, witzig ☺
    Ich bin ja eher der Planer, schaue genau was ich brauche und kaufe was auch möglich ist und nicht erst zur Zwiebel und in 7 Jahren zur Pflanze wird. Ich hatte mal was ausgesäät und später erfahren, das dauerte Jahre bis da was grünes rauskommt. ☺ ich weiß aber ja nach 2 monaten schon nicht mehr was damit war.☺ Lakritz, also Süßholz baust du an oder Lakritzkraut oder so? ☺Ich bin sehr gespannt.
    Ich starte Projekt Süßkartoffel drüben, das wäre auch was für den Balkonkasten. l.g Alex

    • Sarah Maria

      Der Mann hat zwei Chilisorten – oder waren es drei?
      Und im Schlüpper hatte ich keins. Dafür allerdings zu Hause einen Karton mit weiteren Tütchen. Denn es wächst ja nun schon munter alles mögliche auf meiner Fensterbank. ;))

      Das was da nun wachsen soll ist Süßholz. Es wächst und blüht natürlich schon vorher. Nur das erste Mal ernten kann man erst in drei Jahren. Ich bin gespannt, ob ich so lange durchhalte. ;)

      Süßkartoffeln ist eine Idee. Ich wollte ohnehin mit Kartoffeln anfangen. Sie sind ja auch hübsch anzuschauen. War ja auch anfänglich eher als Zierpflanze bekannt. ;)

  9. Ich kann mich bei den Samentüten auch nie entscheiden – leider! Heuer habe ich es aber zumindest geschafft mal bei den vorhandenen auszusortieren. Einiges an Saatgut war schon lange abgelaufen und mehrere Versuche zur Aussaat haben auch nichts gebracht, aber es war ein schwerer Schritt. Ich bin schon gespannt, wie die Kapern bei Dir wachsen werden.

    lg kathrin

  10. Hallo,
    ein wirklich toller Text. Meine Wüsten sind die einsamen Sandstrände Dänemarks. Von einer Woche pro Jahr dort zehre ich ewig. Ich brauch nämlich noch zusätzlich das Rauschen der Wellen, das alles andere aus dem Kopf pustet. Ein ruhiges Osterfest wünsche ich dir, Andrea

    • Sarah Maria

      Absolut!
      Da mein Herr S. ja vom Meer kommt, sind wir öfter mal dort. Das Rauschen, die Wellen, die Luft, – das alles macht es wie in einem erholsamen Schlaf. Urlaub am Meer ist wirklich nicht ohne Grund so überaus beliebt. ;)

  11. Ganz toll geschrieben! Der Teil der Wüste sehr beruhigend, der Teil der Sämerei sehr amüsant und interessant!

    -Kati

  12. :)))

    Sehr amüsant zu lesen. Das könnte so oder so ähnlich auch in unserer Beziehung passiert sein, nur mit Büchern, statt Samen. Denn Blumen und ich, das ist so eine Sache, eine seeeehr schwierige Sache ;)

    Schönen Abend! Wie du siehst, habe ich mich gerade festgelesen g*

    Sandra

    • Sarah Maria

      Bei Büchern haben wir das „Drama“ auch. ;) Als wir zusammen gezogen sind, hat er nicht schlecht gestaunt, angesichts der vielen Kartons voll mit Büchern. ;))

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.