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Alternatives Sightseeing in Prag

Prag_Grafitti

Ihr wisst ja: Der Herr S. und ich waren in Prag (so und hier). Sind nun jedoch (leider) schon wieder zurück zu Hause. Seit gut einer Woche sogar. Die Koffer sind bereits entpackt, die Postkarten angekommen und unser Glasfisch, unser Mitbringsel, ist von dem Herrn S. mit innerlichen LED’s ausgestattet worden. Kurzum: Der Alltag hat uns wieder. Längst und umfassend. Zeit also nochmal zurück zu blicken:

Der Herr S. und ich haben uns die Stadt höchstselbstverständlich angeschaut wie Touristen. Sightseeing – mit Reiseführer und Fotoapparat um den Hals. Mit Eintrittskarten, Rusalka im Nationaltheater, der Prager Burg, dem urschönen jüdischen Friedhof, Kringeln mit Schokocreme, der John-Lennon-Wall. Und Bildern. Vor der Karlsbrücke, auf der Karlsbrücke, hinter der Karlsbrücke:

Prag_Karlsbrücke

Aber wir wollten noch weiter. Mehr sehen. Quasi off-road unterwegs sein. Dort durch die Stadt streifen, wo sie ganz sie selbst sein kann. Weg von all den Dingen, die tagtäglich ihre beste Seite zeigen müssen, die stets auf Hochglanz getrimmt und gezähmt sind. Nun. Gar nicht so leicht – in einer uns unbekannten Stadt.

Das wiederrum hatten wohl auch die Initiatoren der alternativen Stadtführung Prag im Sinn und erdachten eine Tour einmal mitten hindurch – durch all jene Orte, Lebenswelten, Projekte und Geschichten, die sie auch ihren Freunden zeigen würden. Bei einem Besuch.

Wir trafen uns in der Stadtmitte. Erkennungszeichen – wild gepunkteter Regenschirm. Und wurden auch sogleich gefragt, was wir gerne sehen möchten – was uns ganz besonders interessiert. Wofür wir brennen. Und dann ging es auch direkt los. Erst zu Fuß und später mit der Metro in Stadtteile, die in unserem Reiseführer z.T. nicht einmal eine Randnotiz waren.

Prag Holešovice

Vorbei an einer kleinen Galerie, die allabendlich zum Club wird, ging es zu einem kleinen unscheinbaren Lädchen: Das einst Dreh- und Angelpunkt in Sachen Beschaffung von Westprodukten war. Heute jedoch nur noch ein Sammelsurium von Damals-Produkten in der Auslage hat.

Die Stadtführung begann mit vielen persönlich-historischen Details zur Stadt und den Menschen in ihr. Über reiche Russen und immer weiter an den Stadtrand verdrängte Ur-Prager. Touristen. Und die massiv-provokanten überall in Prag zu findenden Skulpturen von David Černý.

Wir gingen der Frage nach, warum Michael Jackson mehr als nur Pop für Prag bedeutete und warum sich die Stadtverwaltung kurz nach Zusammenbruch der Sowjetunion gar dazu hinreißen ließ, die Aufstellung einer monumentalen Jackson-Figur gut zu heißen. – Und zwar: Auf eben jenem Sockel, auf dem Stalin noch kurz zuvor sein Denkmal für alle Zeiten haben sollte.

Wir machten uns zu Fuß in das an der Moldau gelegene und mit Gentrifizierung zu kämpfende Stadtviertel Karlín. Viele alternative Projekte und bezahlbarer Wohnraum ist dort nach dem Jahrhunderthochwasser 2002 und den damit einhergehenden Grundrenovierungen verschwunden. Auf dem Weg dorthin ging es quer durch für Graffiti freigegebene Brückenwände. Einige waren gerade erst beendet. Wie das von ChemiS, als Reaktion auf die fürchterlichen Anschläge in Paris.

Gaffiti Prag Paris ChemiS

Von dort ging es runter in die Metro, Richtung Holešovice. Und ebenda fanden wir uns auch sogleich an einem paradiesischen Ort für den Herrn S. wieder: Im Paralelní Polis – dem Zentrum für Cryptoanarchy – mit 3D-Druckern, Öko-Schreibtischen und -Regalen aus Pappe sowie Kaffee. Selbstredend. Nicht irgendein Kaffee, sondern einer, der ausschließlich mit Bitcoins bezahlt werden kann. Wer keine hat, kann welche tauschen – bzw. ein Irgendwas-tel eines Bitcoins. Denn die virtuelle Währung ist ja bekanntlich mittlerweile dermaßen viel Wert, dass nicht wenige kluge Käufer virtuelle und/ oder sogar tatsächliche Millionäre damit geworden sind.

In eben jenem Zentrum für Cryptoanarchy sieht sich auch die tschechische berühmt-berüchtigte Hackergruppe Ztohoven zu Hause. Sie tauschte beispielsweise die Leuchtreklamen der Prager U-Bahn gegen große schwarze Fragezeichen auf weißem Hintergrund aus. Kurz danach wechselten einige Mitglieder mithilfe von Morphing-Software untereinander die Identitäten. Sie beantragten neue Pässe im Namen des jeweils anderen. Lebten, reisten, wählten – ja heirateten sogar unter diesen Identitäten. Große Aufmerksamkeit erlangte die Gruppe auch mit ihrer „Moral Reform – A parliamentary drama of 223 persons and 585 lines“. Während einer Parlamentsdebatte hackten sie sich in die Handys diverser Politiker und feuerten mit SMS um sich. Von Oppositionsführern zu Regierungsvertretern und andersherum: „Let’s overtake controll! Let’s separate politics from business. Let’s support Moral Reform“ oder „I know we never write to each other but the right time has come. I am trough with all that lies and fights!“ (Alle gesendeten SMS könnt ihr hier nachlesen).

ParalelniPolisPrag

Vorbei an einem Urban Gardening Projekt, kleinen Theatern, Clubs und Kinos sind wir schließlich zu einer Galerie gekommen, die ich euch wärmstens ans Herz legen möchte: Das Dox. Während der Führung haben wir sie nur von außen gesehen, sind aber am nächsten Tag nochmal wieder gekommen, um uns die Ausstellung in Ruhe ansehen zu können. Die Ausstellungen wechseln alle paar Monate. „Brave new World“ ist dort noch bis zum 25.01.2016 zu sehen:

Riesige, übermächtige Figuren diverser Diktatoren des 20. Jahrhunderts begrüßten uns – und entließen uns in eine Wand Bildschirme – voller Werbung um Werbung: Flimmern, preisen und locken. Daneben ein goldener Einkaufwagen. Oben an der Decke war ein riesiges Tunnelgebilde aus Plastikfolie gespannt. Wer sich traute, konnte durch das milchige enge Netz aus Plastik kriechen.

Dox Prag Ausstellung

Dox_Installation

Dox_Ausstellung_2015

Am Ende der Führung haben wir gemeinsam im Crossclub gegessen – und selbstredend getrunken. Das Kultur-Zentrum besteht neben Club im Keller (ab 20:00 Uhr geöffnet) und Restaurant im Obergeschoss – auch aus kleinen Bühnen und Ateliers. Die Inneneinrichtung besteht zu einem nicht gerade unerheblichen Teil aus alten Busteilen und anderem Sowjet-Metallschrott. Wie z.B. die Uhr vor dem Club – als Anlehnung an die berühmte Astronomische Uhr auf dem Prager Marktplatz (links).

CrossClub_AstronomischeUhr_Prag

Crossclub Bar in Prag

Geführt wurden wir von der Filmemacherin Sany (hier ihr neustes Projekt), die individuell auf unsere Fragen eingegangen ist – und uns nach der Tour noch mit jede Menge weiterer Tipps versorgt hat. Ob Kunst, Essen, Bier, Club oder Flohmarkt – je nach Gusto und Stimmung. Obendrauf wurde uns noch die kostenfreie App Use-IT empfohlen (derzeit nur für das iPhone verfügbar). Neben Prag sind dort noch weitere europäische Metropolen vertreten. Die Sehenswürdigkeiten, Restaurant- und Kneipenauswahl wurde jeweils von Menschen vor Ort getroffen. Allesamt Empfehlungen, die man umgehend auch an seine Freunde weitergeben würde – so die Idee.

Mithilfe eben jener dieser App, haben der Herr S. und ich noch am gleichen Abend eine hervorragende Bar ausgemacht. Eine, die ihr nicht missen solltet: Solltet ihr auf Craft-Bier stehen – oder aber auf Ausblicke. Wenn ihr, wie der Herr S. und ich, auf beides heiß seid, dann geratet ihr in wahre Verzückungen. Wenn auch der Weg dorthin etwas unscheinbar ist: Ihr fahrt einen ranzigen, recht unschönen Fahrstuhl bis ganz nach oben. Ein bisschen wie aus einem Harry Potter Buch. Dann seid ihr da. Im T-Anker. Ganz oben, ganz zentral, gleich und ganz auf riesiger Dachterrasse.

Ausblick Prag Altstadt T-Anker

Die Stadtführung hat insgesamt rund 4 Stunden gedauert – vier Stunden voller Ideen, Projekte, Nebenstraßen und spannenden Randnotizen. Und: Sanys Flohmarkttipp für den Samstag haben wir uns außerdem nicht entgehen lassen. Dazu aber demnächst mehr!

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Alle meine Pragberichte findet ihr hier:
Und los – mit dem Bus nach Prag
Wandern im Scharka-Tal

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  1. Pingback: 3 Fotos - 3 Geschichten - Prag | Küstenrausch

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