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Funny How?

Neugierige Katze
Heute.

Tage an denen man mit prügelndem, inneren Krawall aufwacht, – legt man sich am besten auf Tage, an denen die Realität einen zu Wort kommen lässt. Geht natürlich nicht. Kausalzusammenhang. Und so weiter. Dann auch noch verschlafen. Freud. Et cetera. Dann: In sagenhaften 15 Minuten vom Bett zur Straßenbahn gesprintet. 2x Blödsinn getwittert. Einmal über den Sachverhalt an und für sich und dann noch über den Krawall, der sich in fehlenden Auswahlmöglichkeiten von Stohhalmfarben ausdrückte. Sprich: In einem Moment, in dem ich mit vier geheult hätte. Vielleicht mit Glück via Cocktail-Schirmchen zu beschwichtigen gewesen wäre. Jedenfalls war das der Trick der Mutter meiner besten Kindheitsfreundin Julia.

Na ja. Irgendwann ist es ja nunmal vorbei mit Cocktail-Schirmchen und alles rund um die Affektkontrolle muss man alleine händeln. Kann man irgendwann auch. Bastelt sich eigene Schirmchen. Glitzert sich selbst was vor – und anderen. Bastelt an krebsigen, psychotischen Zivilisationskrankheiten. Ist selbst schuld. Kopf und Tischplatte verstehen sich in der Mittagspause traurig gut. Ist nicht lustig.

Und dann war ich im Theater. Es war laut, es gab Bass, Schlagzeug und eine Choreografie, die haargenau in meine Wellen schlug, mitschwang; am Ende meinen Krawall schaukelte. Wiegenlied. Ha Ah! Dass das tatsächlich auch Sinn des Stückes war, wurde mir erst im Verlauf der Handlung klar – und damit auch, welch Genialität in ihr lag. Sie war punktgenau zu 100% natürlich, wahr, wirkte wie in eben diesem Moment entstanden, sprich ernsthaft lebendig – und das auf keinen Fall im Sinne von Mandalas oder Batiktüchern. Sie war aber gleichzeitig verrückt ausdifferenziert und tiefenintensiv:

Zum Beispiel: Zu bizarr karikativen Blas-Schunkel-Jodel-Bierzelt-Tonfolgen flossen prollige Bewegungen ins Zwanghafte. Mit gerade noch geschwollener Brust schlugen die Tänzer auf einmal in Embryohaltung auf den Boden ein – und schunkelten im fast gleichen Moment schon wieder. Es war wie ein steter Wechsel zwischen Innen- und Außenansicht, der sich mit wachsendem Alkoholkonsum und Enthemmung wasserfarbenmäßig ineinander goss.

Als Einschub: Wir reden hier übrigens nicht nur über einen großartigen Choreografen (Samir Akika), sondern auch über ein verdammt gutes Tanzensemble:Wenn man es drauf hat, während einer Bewegung zwischen Break-Dance und klassischem Ballett, einen kleinen Plastikball (der dort nicht sein sollte) erst im Sprung auf den Boden mit einer Hand wegzuschieben und dann zwei Schritte später, wie nebenbei mit dem Fuß wegzukicken, weiß man, was man tut!

Weiter: Es gab einen Plüsch-Koala, der durchaus unvermittelt einen Tänzer ohrfeigte – dann aber das Publikum mit Popcorn unterhielt. Und. Die Tänzer ohrfeigten sich unterdessen selbst. Ohne Pointe. Es folgte Slapstick. Bananenschalen. Schattenspiele mit Riesendildos. Bälle wurden gepubst. Torten. Und während all dies schrill ineinander floss, wurde quasi mit Worten Blut über die Szene gegossen. Damit, was Slapstick ist. Wo es her kommt: Auf Jahrmärkten wurden US-Sklaven in unerwarteten Momenten mit Slapsticks geschlagen, damit sie möglichst schmerzaufschreiend reagierten – und das zur allgemeinen Erheiterung des Publikums. Dabei flogen Gummipuppen und –knüppel durch die Gegend. Es wurde wütender. Die Nummer des Entfesselungskünstlers ging schief. Es ging um Schmerz und Komik. Aber auch um die Mechanik. Die Verkettung von Umständen: Wenn Einer ausrutscht, der Nächste plötzlich stoppt, Glasscheibe, Klirr…. Ihr kennt diese Szenen. Es ging darum, wer in ihnen der Protagonist ist. Quasi: Eine gerade entlassene Kassiererin, die in Hundekacke ausrutscht vs. ihr Chef, der darin landet. Letztendlich also um Ohnmächtigkeit – und auch um Rache.

Aber auch um Selbstkastration und Regungslosigkeit. Erst als der Pandabär wiederkam, als Retter und umkehrte; als er den Bahn-Card-Comfort-Typen rauschmiss, mit einer Nebelpistole angriff und Waffen verteilte, regten sich was: Wut. Aufbegehren – aber auch diverse Erektionen. Anhimmeln. Grausamkeiten. Farm der Tiere kennen wir schon. Und die Piraten mittlerweile auch. – und auch, dass sie mit Hilfe von Shit zu einer klischeeträchtigen Metapher geworden sind.

Darüber hinaus ging es um die Möglichkeit, um den Wunsch eines „inspirierten Lebens in der bürgerlichen Mitte“. Prekär ist eben nicht funny – außer man versteht das Wort nicht in all seiner zerschlagenden Ernüchterung. Und denkt Bohemian hätte als Soundtrack La Bohème.

4 Kommentare

  1. Hallo Sarah-Maria,
    Kompliment ! Fesselt mich geradezu, wie Du Dich selbst beschreibst. Literarisch ist das auf einem sehr hohen Niveau. Da ist man mittendrin in der Aufführung. Die ganze Spannung und die wie die Handlung inszeniert wird, bringst Du rüber. Klasse !

    Gruß Dieter

  2. Hallo Sarah-Maria,
    ich fühle mich jetzt, als hätte ich das in life gesehen! Danke für die wörtliche Inszenierung und Unterhaltung ;)

    Ich wünsche Dir schon mal frohe Weihnachten und einen guten Rutsch!
    Bis bald und lieben Gruß

    Nicole(ina)

  3. Oh. Vielen Dank Dieter und Nicole. Eure Kommentare gehen ehrlicherweise schon ziemlich runter wie Öl. :)

    Grüße zu euch! Lasst es euch möglichst gut gehen. Immer wieder!

  4. Pingback: Im Park links der Weser | Sarah Maria

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